Jagd auf Atome

Dem Grazer Publikum war die in Wien lebende, aus der Schweiz stammende Künsterlin eloui zumindest vor dem Steirischen Herbst 2011 vor allem durch die ebenso große wie großartige Band Thalija bekannt, deren zweites, auf Pumpkin Records erschienenes Album Thalija II wir an dieser Stelle im Mai 2008 gewürdigt haben.

Nicht weniger vielseitig, aber musikalisch aus einem Referenzsystem schöpfend, das gar nicht weiter von jenem des Thalija-Universums entfernt sein könnte, hat eloui mit Chasing Atoms (EMG/Hoanzl) nun ihr erstes Soloalbum fertiggestellt. Die Sängerin und Multiinstrumentalistin spielt auf diesem Album alles – Regen und Donner (Tornado) ausgenommen – selbst, was angesichts des breiten Klangspektrums schon für sich genommen bemerkenswert ist.

In den elf Songs der CD stehen meist warme bis verspielte elektronische Klänge im Vordergrund, die Teilen von Chasing Atoms einen wohlig-sentimentalen Hauch von Bristol-Sound verleihen. Waltz For Me und 24 Flowers a Day sind zwei wunderbare, leicht entrückte Popsongs, die ohne den zurückhaltenden und zerbrechlichen Gesangsstil Elouis nicht ihre volle Wirkung entfalten würden. Mit dem schwermütigeren Song Flame Retardant Heart hat eloui den größten Moment ganz ans Ende des Albums gestellt, sodass man nach einer Dreiviertelstunde keine andere Wahl hat, als den Repeat-Button zu drücken und sich dabei auszumalen, was noch alles folgen könnte.

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Freilandhaltung für Menschen!

Nicht aus dem gleichnamigen entlegenen Winkel der schottischen Inselwelt, deren Bewohner zur Freude nicht nur der lettischen Landwirte, die das Meer trotz geografischer Nähe kaum zu sehen bekommen, sich seit Jahrhunderten dem Leerfischen der kalten Meere im Norden Europas verschrieben haben, um jene solide Grundlage für Heringsfilets in Tomatensoße (bzw. Mexico und Spinat) zu liefern, die seit Jahrzehnten zu den Bestsellern in den heimischen Nah- und Fernversorgern zählen, sondern aus dem klimatisch gemäßigteren Oxford stammen vier junge Männer, die sich seit dem Jahr 2006 unter dem Namen Stornoway einer derzeit nicht allzu hoch im Kurs stehenden Musikrichtung verschrieben haben, die vor 20 Jahren wohl das Label „Urban Folk“ verpasst bekommen hätte. Zwei bereits vor einem Jahr erschienene Singles ließen große Hoffnungen aufkommen, die nun vom Debutalbum Beachcomber’s Windowsill (4AD) nicht nur bestätigt, sondern bei weitem übertroffen werden. Es ist außerordentlich schwer, sich der magischen Anziehungskraft dieses Albums zu entziehen, die sich vom ersten Song („Zorbing“) an entfaltet und durch den sparsamen Einsatz nicht-akustischer Instrumente noch verstärkt wird. Dass sich Stornoway für die Freilandhaltung von Menschen einsetzen („We Are the Battery Human“), muss man ihnen zusätzlich zugutehalten. We were born to be free range!

Sehr wohl aus Schottland, wenn auch aus dem nicht ganz so entlegenen Glasgow, stammen Belle & Sebastian, die sich nach vierjähriger Pause wieder gefunden und mit Write About Love (Rough Trade) ein neues Album eingespielt haben. Thema ist – wie schon der Titel zart andeutet – die Liebe in all ihren Spielarten. „Make me dance, I want to surrender“ singt Sarah Martin etwa bereits im Openingtrack und spricht all jenen aus dem Herzen, die um den unbedingten Zusammenhang zwischen körperlichem und seelischem Gleichklang wissen. Wir tun das, wir tanzen etwa nur mehr um unserer großen Liebe unsere große Liebe zu gestehen. Mit Überzeugung unterstützen wir auch die eigentliche Botschaft des wunderbaren Albums: Einziges Ziel für uns alle darf nur das Erreichen maximalen Glücks sein – Kompromisse, Selbstzufriedenheit, Rückschläge oder Angst gehören überwunden. Oder, wie Dougie Anderson im Begleitfilm schwadroniert: „If you´re running out of milk for your morning macciato, go to the shop and buy more!“ In diesem Sinne: Lasst uns Milchseen anlegen!

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Heimat

Wohlbehalten aus dem Urlaub zurückgekehrt? Mit einem nagelneuen (und kaum mehr eiternden) Intimpiercing aus Notting Hill vielleicht? Einer höllisch juckenden Salzwasser-Allergie aus Jesolo? Oder hat sogar jemand noch eines dieser schon in den 80ern abgeschmackten Hard Rock Cafe-T-Shirts ergattert? Egal. Denn wirklich schön ist es sowieso nur daheim! Und damit sich auch halbwegs intelligente Menschen mit der Begrifflichkeit „Heimat“ so einigermaßen wohlfühlen können, haben die Leute von pumpkin records den Versuch gestartet, den lodenbewehrten Heimat-Fanatikern ihr Definitionsmonopol zu entreißen. Herausgekommen ist ein wunderbarer Tonträger. Heimat (pumpkin records) heißt das gute Stück, ist genau dafür auch schon heftig kritisiert worden und versammelt 21 höchst unterschiedliche Herangehensweisen an das traditionelle österreichische Liedgut. Curd Duca, deutet den sozialen Raum „Dorf“ als animierte Monotonie, Clemens Haipl und die Lassos Mariachis versuchen sich an einer Neu-Interpretation des Alpenvereinwandertagklassikers „In die Berg“ und Ultrascope intonieren ein wenig resigniert aber dafür umso grandioser „Heute bin ich rot“. Sentimentale Höhepunkte der CD sind aber die quasi posthume „Postkarte aus Loipersdorf“ der verblichenen Scheffenbichler und Roedelius` lapidare Feststellung „So sind wir“.

Auch die Wiener Band A Parrot Singing hat ihr Scherflein zum Heimat-Projekt beigetragen, war darüber hinaus aber auch in eigener Sache höchst aktiv. A Parrot Singing (Eigenverlag) heißt ihr erstes Album. Mit eher unüblichem Equipment (Ukulele, Harmonika oder der geheimnisvollen „Parrot Box“) wird das Publikum auf eine abwechslungsreiche und überaus emotionale Tour de Force geschickt. Grandios melancholisch, herrlich hysterisch und wunderbar überdreht findet sich für jede einzelne Stimmungsnuance zwischen den Endpunkten Manie und Depression der passende Soundtrack. 54 Minuten gute Musik auf 28 Stücke verteilt (drei davon Coverversionen von Blondie, den Skatelites und Bob Dylan) sind die Mühen einer telefonischen Bestellung jedenfalls wert. Denn: Käuflich erwerbbar ist A Parrot Singing zur Zeit nur direkt ab Hof (01/403 78 29).

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Radio Rebels

Neulich in England: Junge Menschen sitzen in Pubs, Bars und anderen Etablissements, konsumieren Drogen und diskutieren über staatliche Ausbildungssysteme oder Fußball. Fußball – bekanntermaßen das Spiel des einfachen Mannes – wird für alle möglichen Leute, die, so wie die Dinge liegen, gerade nicht der einfache Mann sind, zum Objekt der Begierde. Doch nicht nur Fußball, auch die Revolution ist beliebtes Thema der englischen Lads. Warum eigentlich Tony Blair unterstützen? Gibt es nicht wesentlich glaubwürdigere Sozialisten als den Mann, der keine Babypause einlegen wollte? Gleich vorweg: Es gibt sie, und sie haben die bessere Musik. Jeder einzelne Kubaner etwa hat mehr Glamour als die gesamte königlich Garde.

Das hat auch das britische Kollektiv Up, Bustle and Out erkannt, das zum diesjährigen steirischen herbst in Graz erwartet wird. Unter der sperrigen Bezeichnung Up, Bustle and Out presents Rebel Radio with Richard Egües ließen sie sich auf ihrem aktuellen Album Master Sessions 1, Calle 23, Havana nicht nur vom revolutionären Gestus eines Landes sondern – und noch viel mehr – von dessen Musik inspirieren. Ergebnis ist ein wunderbarer Tonträger und zu erwarten ein fulminantes Konzert (am 7. Oktober um 22:00 im Grazer Orpheum).

Als ein Ereignis von noch herausragenderer Bedeutung als die Konzerte im Orpheum, ja sogar epochaler als der steirische herbst selbst, können die Sommerspiele bezeichnet werden, die uns alle vier Jahre zu Tränen rühren, wenn wir um unseren Landsmann Aigars Tadejevs bangen, der auch in diesem Jahr keine Medaille im Gehen erringen wird. Schon als Kinder sahen wir Aigars mit stauendem Blick nach, als er, der geschmeidige Athlet, seine Runden um den Fußballplatz unserer Kolchose zog. Um ihm das Training erträglicher zu gestalten, spielte die agrarische Direktorin ihre Lieblingsplatten über den öffentlichen Lautsprecher ab (der Walkman war noch nicht erfunden) – und meist war es Neil Young, der Tadejev anspornen sollte. Aber auch Silver & Gold, der neue grandiose Tonträger von Neil Young, wird Tadejev nicht zu olympischem Gold verhelfen können. Aigars wird am Wadenkrampf zerbrechen, aber dem verrückte Pferd geht die Luft nie aus.

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